Guter Onlinecontent- Um jeden Preis?

Die Anzahl der Journalisten und Verfasser, die Texte für eine Internetagentur erstellen, steigt stetig. Abgesehen davon, dass die Schar derjenigen, die ausschließlich vom Texten im Internet leben kann, nicht bekannt ist, ist aber bekannt, dass diese Spezies in aller Regel für ihre Arbeit erbärmlich entlohnt wird. Die Forderungen der Auftraggeber, die auf den verschiedenen Plattformen Artikel bestellen, scheinen manchmal nur noch von der miesen Bezahlung pro Wort getoppt werden zu können. So suchen, häufig Medien- Agenturen, auf deutschen Textplattformen nach Schreiberinnen und Schreibern, die die chinesische Sprache beherrschen, einen hoch- wissenschaftlichen Text erstellen sollen, oder aus dem Schwedischen die Doktorarbeit ins Deutsche (natürlich perfekt!) übersetzen können. Nicht selten wird dabei ein Wortumfang von 1000 Wörtern gewünscht. Und die Bezahlung? Oft wird der Ersteller oder die Erstellerin, die/der einen hochqualifizierten Artikel abliefert, mit sage und schreibe 2 Cent pro Wort „entlohnt“. Die Anführungszeichen stehen hier wohl mehr als zu Recht! Ganze 20,00 Euro für eine Arbeit, die, neben hoher sprachlicher Gewandtheit, kreative Gedanken und nicht selten das Wissen eines Hochschullehrers erfordern. Das jedoch ist leider noch nicht alles. Denn häufig ist auch das Briefing, ohne das die Erstellung eines Artikels in der gewünschten Richtung und Form kaum möglich ist, in geradezu haarsträubender Art und Weise erstellt. Abgesehen von den sich munter tummelnden orthografischen Fehlern und einer Mangelhaftigkeit, die ihresgleichen sucht, fehlen häufig wichtige Details. Soll der Leser mit „Sie“ oder gar nicht angesprochen werden? Wo ist die URL der Website, dessen Produkte beworben werden sollen? Immer wieder beliebt ist auch das so genannte „Keyword- Stuffing“, also eine völllig unsinnige Anhäufung von Schlüsselwörtern, in der Hoffung, bei Google & Co ein besseres Ranking zu erreichen. So kommt es vor, dass für eine Textfassung von 300 Wörtern beispielsweise 30 Mal die Verwendung eines Wortes vorgeschrieben wird. Dass so eine unsinnige Forderung immer zu Lasten der Lesbarkeit des Textes gehen muss, erfahren diese Kunden dann spätestens bei der Durchsicht. Und wieder droht an dieser Stelle eine (völlig unnöitige) Revision. Denn wenn, ja wenn diese sich über den Mehrwert eines Artikels und nicht über die sinnlose Anhäufung von Wörtern ein höheres Ranking ermöglichen würden, wäre auch der Artikel wunderbar und flüssig zu lesen gwesen!

Besonders schön ist auch die Formulierung vieler Auftraggeber: “ Bleiben Sie sachlich. Eine werbende Ansprache ist jedoch erwünscht.“

Wie soll das gehen? Jeder weiß, dass Werbung NIE, NIE und nochmals Nie sachlich ist! Oder der Auftraggeber aus der Schweiz belehrt den armen Schreiberling- natürlich erst im Nachhinein-  „Vermeiden Sie bitte das „ß“, das in der Schreibweise der Schweiz nicht existiert.“ Ja, woher soll denn ein Deutscher Texter oder das weibliche Pendant wissen, wie die Rechtschreibregeln der Schweiz lauten? Auch die Revision eines Kunden, der den Dienst einer Internet- Textagentur in Anspruch genommen hat, weil er selbst hinsichtlich des Artikelschreibens völlig talentfrei ist, mit der Maßgabe, der Stil des Artikels sei hinsichtlich des Themas völlig verfehlt, bereitet dem mit Herzblut Schreibenden nicht selten großen Verdruss.

Überhaupt mutet es manchmal seltsam an, dass sich die Anforderungen der „Textbesteller“ oft so gar nicht mit den „Leistungen“ ihres eigenen Briefings in Einklang bringen lassen. Denn eine fehlerfreie Vorgabe, was denn nun genau in dem Artikel verlangt wird, sollte doch möglich sein, oder? Nun gibt es ja die Ansicht, dass diese Auftraggeber gerade deshalb, weil ihnen das Schreiben eben schwer von der Hand geht, Textagenturen mit dem Erstellen von Formulierungen beauftragen. Das ist einleuchtend. Nicht einleuchtend ist dagegen, dass diese sich oft nicht nur nicht über die erstellten Texte freuen, sondern sich nicht selten, sollten sie eine Revision für nötig erachten, auch stark im Ton vergreifen. So antiqierte Wörter wie „bitte“ und „danke“ sind schon lange zu einer aussterbenden Spezies avanciert. Auch die Anrede „Hallo“ feiert häufig fröhliche Urständ, ganz abgesehen von dem Duzen des Texters, den sie in ihrem Leben noch nie gesehen, geschweige denn mit ihm je gesprochen haben!

Und das alles für satte 2 Cent pro Wort? Nun ja, jeder, der auf einer solchen Plattform Texte schreibt, tut dies völlig freiwillig. Trotzdem wäre es zu wünschen, dass kreative Arbeit besser entlohnt würde! Andererseits entbinden die Internetagenturen den Schreiber und die Schreiberin von der vielfach mühsamen Suche nach Text- Auftraggebern. Das bedeutet zwar eine große Zeitersparnis, hat aber auch zur Folge, dass der Kunde nicht bekannt ist, so dass es bei der Erstellung der gewünschten Anfertigung zu Mißverständnissen kommen kann.

Es gibt allerdings auch Tröstliches: Denn mit dem Boom des Internets werden Niederschriften, die dem Leser einen wirklichen Mehrwert bieten, immer beliebter und vor allem notwendiger! Es droht also für jeden Menschen, der mit Liebe und Leidenschaft schreibt, wenigstens eines nicht: Die Arbeitslosigekeit!

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